Gustav Mahler und Hamburg

In seinem nur 50jährigen Leben (1860 – 1911) wurde Gustav Mahler als Dirigent ein Weltstar, heiratete die schöne Alma Schindler in Wien und komponierte (fast) zehn Sinfonien. Als Komponist stellte er jedoch noch 1895 ironisch fest, dass er "sehr unberühmt und sehr unaufgeführt" sei.

Sechs Jahre lebte Gustav Mahler in Hamburg: Von 1891 bis 1897 war er Chefdirigent („Erster Kapellmeister“) am Hamburger Stadt-Theater. Er profilierte sich durch herausragende Interpretationen sehr unterschiedlicher Werke und führte das Hamburger Stadt-Theater - nicht zuletzt durch das spektakuläre London-Gastspiel mit Wagners Ring - zu Weltruhm. Dazu zählten Opern und Musikdramen von Mozart und Wagner, aber auch zahlreiche Erstaufführungen (z.B. Tschaikowskys "Eugen Onegin“, Verdis "Falstaff" oder "Die verkaufte Braut" von Smetana).

Mahler probierte mit seinem Orchester mit einem ungeheuren Arbeitsaufwand, er dirigierte in der Spielzeit 1894/95 (September bis Mai) unglaubliche 138, in der Spielzeit 1895/96 gar 148 Vorstellungen! Sein internationaler Dirigentenruhm gründete sich auf seinen Einsatz für zeitgenössische Musik, sein künstlerisches Interpretationsvermögen und seinen kompromisslosen Anspruch an Präzision und Werktreue. Seine Auffassung der Oper als Gesamtkunstwerk nimmt heutige Vorstellungen vom Musiktheater in erstaunlicher Weise vorweg.

In Hamburg überwand Mahler auch eine längere Schaffenskrise und begann wieder zu komponieren. Er schuf die Wunderhorn-Lieder, überarbeitete seine erste und vollendete seine zweite und dritte Sinfonie. Seine umfangreichen Dirigierverpflichtungen ließen ihm überwiegend nur in den Sommerferien Zeit zum Komponieren, die er in der Natur in seinen Komponierhäuschen verbrachte (zunächst in Steinbach am Attersee, später dann in Maiernigg und Toblach).

Aufgrund zunehmender Zerwürfnisse mit dem Direktor des Stadttheaters Bernhard Pollini ging Mahler 1897 an die Wiener Hofoper und erlebte dort und später in New York glanzvolle Höhepunkte als Dirigent. Die Aufmerksamkeit für seine Kompositionen nahm gegen Ende seines Lebens zu: Zur letzten Uraufführung, die er selbst dirigierte, zur 8. Sinfonie in München, kamen Tausende von Zuhörern und Prominenz von Clémenceau bis Thomas Mann.

Nach langen Jahren der Nicht-Aufführung – schon zu seinen Lebzeiten gewannen antisemitische Strömungen an Einfluss - wurde Mahlers Musik in Deutschland erst ab 1960 wieder neu entdeckt. Sie füllt seitdem die Konzertprogramme, die Zahl der Einspielungen und Veröffentlichungen ist nicht mehr überschaubar. Nicht zuletzt Viscontis 1971 erschienener Film „Tod in Venedig“, musikalisch getragen durch das Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie, trug zu einer bis heute anhaltenden Mahler-Renaissance bei. Hamburg wurde auch durch John Neumeiers Ballette zu der Musik Mahlers zu einer international berühmten Mahler-Hochburg.